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Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand - Jonas Jonasson,  Wibke Kuhn Vollständige Rezi: [Rezension] Jonas Jonasson – Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand | AnjaIsReading

5 Totoros

Der Buchtitel sagt ziemlich genau aus, worum es in dem Buch geht. Aber wie kommt ein so alter Mann urplötzlich auf die Idee zu verschwinden? Allan Karlsson hat einfach die Faxen dicke. Das Heim nervt ihn, besonders die anderen Alten. Dann ist da noch die schreckliche Schwester Alice, die ihm dauernd seinen Schnaps wegnimmt. Als wäre das nicht schlimm genug, haben sich obendrein Presse und Bürgermeister eingefunden, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Ehe die Meute einfallen kann, fasst Allan den Entschluss, mit knarzenden Knien und in Hausschlappen aus dem Fenster zu klettern.

Und wer – wie ich – nun denkt, dass es sich damit hat, irrt sich mächtig gewaltig. Denn das, was danach kommt, ist an Abenteuer und Kuriosität kaum zu überbieten. Mit seinem Verschwinden löst Allen eine Ereigniskette aus, die schräger kaum sein kann, und ein Road Trip der etwas anderen Art quer durch Schweden nimmt seinen Lauf.

Auf seiner abenteuerlichen Reise trifft er neue Freunde, macht sich Feinde, kommt zu einem Koffer voll Geld und einem Elefanten und hebt eine Gangsterbande aus. Nebenbei pflastern noch ein paar Leichen seinen Weg. Dank eines etwas schlampigen Polizisten und eines übermotivierten Staatsanwaltes wird er bald vom Vermissten zum Entführten zum Schwerverbrecher erklärt. Aber ganz egal was passiert – und es passiert oft etwas, wo man denkt “Scheiße, wie will der da wieder rauskommen” -, seiner unerschütterlichen Ruhe und seinem Gleichmut kann nichts und niemand etwas anhaben. Sein Lebensmotto lautet “Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt.” Dabei schadet es natürlich nicht, dass ihm der Zufall immer wieder in die Hände spielt und dass er, obwohl er unbedarft und zurückgeblieben wirkt, ein sehr gewitztes, cleveres Kerlchen ist.

Unterbrochen wird Allans Road Trip immer wieder von Kapiteln, die seine Vergangenheit erzählen, beginnend vom Tag seiner Geburt bis hin zu, ja, seiner Flucht aus der schnapsfreien Zone, dem Altenheim. Die Rückblenden sind nicht weniger abstrus als die Gegenwart. So landet er in den Händen eines Rassenbiologen, nachdem er aus Versehen einen Großhändler in die Luft gesprengt hat (was hat der auch in Allans Kiesgrube zu suchen, vor allem, wenn dieser gerade mit Sprengstoffen für seine Firma experimentiert) und daraufhin eingesperrt wird. Zwangssterilisiert und mit einem kleinen Taschengeld wird er Jahre später entlassen und damit fängt das Abenteuer an.
Dank illustrer Personen, denen er begegnet, seiner Sprengstoffkenntnisse, seiner entspannnten Lebenseinstellung, seiner Gewitztheit und dem Glück der Durchgeknallten kommt er rum in der Welt, lernt eine Sprache nach der anderen, lernt etliche Staatsmänner kennen (wie Roosevelt und Stalin, um nur mal zwei zu nennen), hilft bei der Entwicklung der Atombombe, landet im russischen Arbeitslager und fackelt Wladiwostok ab. Das ist zwar längst nicht alles, aber ich will hier ja nicht das Buch nacherzählen :)

Egal ob nun Vergangenheit oder Gegenwart, bestimmte Eigenschaften zeichnen Allan bei all seinen Erlebnissen aus. Er nimmt Dinge zur Kenntnis, mischt sich aber nicht ein. Er klammert sich nicht an Emotionen, nimmt aber Anteil an Schicksalen und ist gegenüber anderen extrem aufgeschlossen. Er teilt die Menschen nicht schon vorab in gut und böse ein, er ist unvoreingenommen, macht sich ein eigenes Bild und geht mit der Einstellung “Bist du gut zu mir, bin ich gut zu dir” in jede Begegnung hinein und hilft, wo er kann. Das macht diesen Charakter so wahnsinnig sympathisch. Sowohl der junge als auch der alte Allan sind mir unglaublich ans Herz gewachsen. Er ist ein kleiner Schelm, der mit seiner positiven Gesinnung einfach gute Laune verbreitet.

Das Ende finde ich zwar ein klein wenig dick aufgetragen, dennoch fügt es sich harmonisch an die Restgeschichte und der Epilog ist nochmal ein kleines Highlight für sich. Ehe ich aber zu viel verrate, halte ich jetzt lieber meine Finger im Zaum ;)

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist ein von vorn bis hinten großartiges Buch. Mit viel Witz und Ironie wird die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts samt ihrer politischen Größen mit Allans Leben verwurstet und durch den Kakao gezogen. Die Erzählweise, die man vielleicht als kindlich-naiv bezeichnen könnte, mir persönlich kam eher der Begriff forrestgumpig in den Sinn, passt perfekt zum Inhalt. Ein ernsthafter Schreibstil mit reicher Sprache und ausgefeilten Dialogen hätte diesen eher kaputt gemacht als unterstützt.
Auch dass in den Gegenwartskapiteln neben Allan noch andere Charaktere zu Wort kommen, vergrößert das Lesevergnügen. Normalerweise finde ich es eher nervig, wenn zu viele Figuren eine Stimme bekommen, hier nicht. Das liegt wohl vor allem daran, dass nicht nur Allan, sondern auch die anderen Protagonisten wunderbar skuril und irre sind.

Es bleibt die Frage, ob das Buch literarisch wertvoll ist oder nicht. Ich finde schon, denn es ist kein alberner Blödsinn und auf seine Art hat das Buch auch eine gewisse Tiefe, der man schon fast philosophische Anleihen unterstellen möchte. Auf alle Fälle ist es ein wunderbarer Lesegenuss, der sich seine fünf Totoros voll und ganz verdient hat.